Überzeugen als Widerstand

Ist nicht von meiner Hand geschrieben
Rosa Hofmann,
Gestapo-Verhörprotokoll
1942

Hier sind mehrere Dinge auf einmal zu sehen: Fotos aus dem Widerstand neben Fotos der Gestapo neben Fotos von heute aus einer Graffitiserie von Marie Paul. Die Fotos zeigen zwei junge Frauen, Anna Gräf und Rosa Hofmann, die in den 1940er-Jahren in der „Gruppe Soldatenrat“ aktiv waren. Marie Paul hat die Frauen aus dieser kommunistischen Widerstandsgruppe vergegenwärtigt. Die Graffitiserie arbeitet mit dem Unterschied zwischen einem Privatfoto und einem Gestapofoto.

Anstelle von Porträtfotos sieht man heute oft Gestapofotos der Widerstandskämpfer*innen gegen die Nazis. Meist gibt es keine anderen Fotos von ihnen. Die Herkunft dieser Fotos muss aber zum Thema gemacht werden. Wir sehen Männer und Frauen, die gefoltert, gequält und ermordet wurden. Wir müssen sie aus der Perspektive der Täter und Täterinnen anschauen, die solche Verbrechen verübt haben, auch wenn wir das nicht wollen. Ähnliches gilt für die Verhörprotokolle der Gestapo. Liest man diese Protokolle, muss man berücksichtigen, dass schon das „ich“ hier ein anderer ist, und zwar der Gestaporeferent, der die Aussagen aufschrieb. Man muss bedenken, dass die Widerstandskämpfer*innen falsche Angaben machten, um sich und andere zu schützen. Und dass ihre Geständnisse durch Folter erzwungen wurden. Trotzdem sind auch Zeichen des Widerstandes zu erkennen, wie man im Verhörprotokoll von Rosa Hofmann lesen kann: „Bestreiten muss ich”, „weiß ich nicht”, „ist nicht von meiner Hand geschrieben“.


Beschriftungen auf den Rückseiten der Fotos

Foto 1:
geb. 28.3.25
just. 11.1.44
verhaftet XI 43
Gräf Anny
[Darunter unleserliche Adressangabe]

Foto 2:
Rosi Hofmann
Tagebuch
67mm
A
Montage mit B


„Ist nicht von meiner Hand geschrieben“
Rosa Hofmann, Gestapo-Verhörprotokoll (Auszug)


Im Dezember 1941 teilte mir „Georg“ mittels einer Karte aus Wien mit, dass ich seinen Freund „Walter“ am Hauptbahnhof in Salzburg (es war auf der Karte der Tag und die Ankunftszeit des Zuges vermerkt) erwarten soll. Zu der festgelegten Zeit ging in der Bahnhofshalle ein junger Mann auf mich zu und stellte sich mir gegenüber als der Freund des „Georg“ aus Wien vor. Er bestellte einen Gruß von „Georg“ und übergab mir ein Paket mit kommunistischen Druckschriften. Zu einer illegalen politischen Unterredung ist es jedoch nicht gekommen, weil „Walter“ vorgab, er habe es eilig und müsse sofort wieder weg, worauf wir uns trennten. Wohin er sich begeben hat, weiss ich allerdings nicht. Insbesondere kann ich nicht sagen, ob er mit KP.-Funktionäre[n] in Salzburg zusammengekommen ist. Ich fuhr sofort nach Hause und öffnete das Paket, in dem sich etwa 60 Stück der Zersetzungsschriften mit dem Titel: „Der Soldatenrat! Organ der Soldatenräte der deutschen Wehrmacht im Sektor Südwest“ und einige Exemplare der kommunistischen Druckschrift mit der Überschrift: „Die rote Jugend“ befanden. Da ich mangels mehrerer Angehörigen im KJVOe für die Druckschrift „Die rote Jugend“ keine Verwendung hatte, habe ich die Exemplare verbrannt. Die Wehrzersetzungsschrift „Der Soldatenrat“ habe ich eines Tages in die Aborte am Hauptbahnhof in Salzburg und bei meiner Fahrt von Salzburg nach Linz im Januar 1942 in das Gepäcknetz im Eisenbahn-Abteil gelegt. Bestreiten muss ich, die vorerwähnten Schriften auch in Briefumschlägen an Personen in Salzburg oder auswärts versandt zu haben. Die Anschrift auf dem mir vorgelegten Umschlag: „An den Gefr. Leo Reichenpfadu, Feldpost-Nr.1054“ ist nicht von meiner Hand geschrieben. Ich bin bereit, sofort eine Schriftprobe abzugeben. Wie gesagt, ich habe auch derartige Hetzschriften nicht an Wehrmachtsangehörige an der Front und in der Heimat übersandt. Wenn mir vorgehalten wird, dass ich von „Walter“ mindestens 200 Stück kommunistische Druckschriften „Die rote Jugend“ und „Der Soldatenrat“ übernommen und davon einen Teil an Eduard Czamler in Linz a.d.Donau abgegeben habe, so erkläre ich, dass dies nicht richtig ist. Ich hatte weder von „Georg“ noch von „Walter“ die Weisung, Druckschriften nach Linz abzugeben. Die Angaben des Walter Georg Kämpf, Decknamen „Georg“ zu diesem Punkt wurden mir vorgehalten. Ich bleibe aber nach wie vor auf meinen bisher gemachten Aussagen bestehen.

Im Auftrage des „Georg“, heisst richtig Walter Georg Kämpf, fuhr ich an einem Tag im Januar oder anfangs Februar 1942 nach Linz/Od. wo ich am Bahnhof von „Georg“ empfangen und mit dem mir bis dahin unbekannten Eduard Czamler aus Linz/Od. zusammengeführt wurde. Georg entfernte sich unbekannt wohin, während Czamler und ich das Café „Ortner“ aufsuchten. Hierbei wurden jedoch politische Gespräche nicht geführt, wir unterhielten uns hauptsächlich über den Sport und Wanderungen. Bemerken möchte ich, dass ich am Bahnhof in Linz von „Georg“ einige Exemplare der Flugschrift „Die rote Jugend“ übernahm.

[…] Ob Czamler von Georg solche Hetzschriften übernommen hat, weiss ich nicht. Am Abend fuhr ich wieder nach Salzburg zurück. Der Linzer Funktionär hat mir über seine illegale politische Tätigkeit nichts gesagt und wir haben auch eine zweite Zusammenkunft nicht vereinbart. Die Druckschriften habe ich nach dem Lesen verbrannt.


Biografie Anna Gräf

Biografie Rosa Hofmann

Biografie Marie Paul



Objekt
Privatfotos aus dem Widerstand
Anna Gräf und Rosa Hofmann
Ohne Datum


Archiv
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes
Fotoarchiv, Umschlag 807/2b (Anna Gräf)
Fotoarchiv, Umschlag 807/7 (Rosa Hofmann)



Objekt
Fotos der Gestapo
Anna Gräf und Rosa Hofmann
1942


Archiv
Bundesarchiv Berlin
R3017-23609 (Anna Gräf)
R3017-25282 (Rosa Hofmann)



Objekt
„Willst Du mittun?“
Graffitiserie von Marie Paul, Berlin
Basierend auf Fotos von Frauen der „Gruppe Soldatenrat“ aus den 1940er-Jahren:
Edith Gadawits, Anna Gräf, Gertrude Hausner, Elfriede Hartmann, Rosa Hofmann
Privatfotos aus dem Widerstand (rot-blau)
Gestapo-Fotos (blau-schwarz)



Objekt
Gestapo-Verhörprotokoll
Rosa Hofmann
1942


Archiv
Bundesarchiv Berlin
R3017/25280
Zitate S. 55ff



Literatur

Marianne Hirsch
„Täter-Fotografien in der Kunst nach dem Holocaust. Geschlecht als ein Idiom der Erinnerung“
In: Insa Eschebach, Sigrid Jacobeit, Silke Wenk (Hg.) Gedächtnis und Geschlecht. Deutungsmuster in Darstellungen des nationalsozialistischen Genozids
Frankfurt/New York 2002, S. 203-226

Primo Levi
Ist das ein Mensch?
Ein autobiographischer Bericht
München 1993

Elisabeth Boeckl-Klamper, Thomas Mang, Wolfgang Neugebauer
Gestapo-Leitstelle Wien 1938-1945
Wien 2018



  
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