Inhalt

Widerstandsmomente trägt Stimmen, Schriften und Objekte aus dem Widerstand gegen die Nazis in die Gegenwart. Politisch engagierte Frauen von heute reagieren auf den historischen Widerstand und stellen aktuelle Bezüge her. Ein Seil spannt sich von dem was gestern war, und dem, was heute geschieht, zu dem was sein könnte: eine solidarische Gesellschaft ohne Diskriminierung und Ausgrenzung.

Regiestatement
Jo Schmeiser

Etwas von einer möglichen Zukunft
Monika Bernold

Dissidenz über Raum und Zeit
Christian Höller



Regiestatement
Jo Schmeiser

Autoritäre Politiken nehmen wieder zu. In Österreich, in Europa und in der Welt. Regierungen erlassen Gesetze, die Menschen- und Arbeitsrechte außer Kraft setzen. Demokratische Errungenschaften wie die europäische Menschenrechtskonvention oder der Achtstundentag werden infrage gestellt. Zugleich organisiert sich dagegen aber auch der Widerstand von unten: Migrant*innen und Geflüchtete wehren sich, Arbeiter*innen streiken, Frauen bestehen auf ihr Recht auf Selbstbestimmung. Praktische Solidarität zwischen unterschiedlich betroffenen Gruppen entsteht.

In meiner Familie gab es begeisterte Nazis und Mitläufer*innen. Eine Widerstandskämpferin und KZ-Überlebende ebenfalls. Als ich 2014 mit diesem Film begann, wollte ich etwas über Widerstand von Frauen, gestern und heute, machen. Ich hörte mir Tonaufnahmen der Urgroßmutter Anna Čadia von 1988 an. Aufnahmen, in denen sie über den kommunistischen Widerstand und das KZ Ravensbrück spricht. Das Weiterwirken der NS-Geschichte in der Gegenwart, im Leben von Frauen mit unterschiedlicher Geschichte, hatte mich bereits in früheren Filmen beschäftigt (Things. Places. Years, 2004 und Liebe Geschichte, 2010, mit Simone Bader).

Etwas sträubte sich, als ich mit Bildern begann, in denen ich die Erinnerungen der Urgroßmutter in Händen halte: eine Jacke, die sie in der Haft strickte; einen winzigen Roten Winkel aus Bein, den eine Mitgefangene ihr in Ravensbrück schenkte. War sie, die Großmutter meiner Stiefmutter, überhaupt meine Urgroßmutter? Und was würde es erzählen, wenn ich mich als Urenkelin einer Widerstandskämpferin inszenierte? Aus meiner Geschichte das Unverfängliche heraushob? Ich wollte keinen Film über sie oder mich machen, merkte ich. Keinen individuellen biografischen Blick auf eine Geschichte werfen, die alle angeht, wenn auch die eigene Wahrnehmung durch Biografie gefärbt wird. Ich wollte einen kollektiven Blick. Einen Blick, der weniger auf die Personen gerichtet ist, als auf das, was sie damals getan haben, heute tun und in Zukunft tun könnten. Ein virtuelles Kollektiv. Widerstand im Alltag, gemeinsam, als Möglichkeitsform.

Ich erweiterte also den Blick des Films, auf Frauen im Widerstand, die die Nazizeit nicht überlebt haben. Die nicht nach der Befreiung davon erzählen konnten. Die Frauen von der „Gruppe Soldatenrat“, die Wehrmachtsoldaten zum Desertieren bewegten. Ich arbeitete mit dem wenigen, das von ihrem Widerstand geblieben ist: Flugblätter, Fotos, Kassiber. Ich dehnte den Blick noch mehr, erweiterte ihn auf Frauen, die heute lästig sind: widerständig, laut, in ihrem Tun und Denken, oder auch ganz leise erst, in kleinen Momenten. Alte und junge Frauen. Was fangen sie mit dem Widerstand gegen die Nazis an? Wie vergegenwärtigen sie ihn sich? Wo hilft er ihnen, sich gegen aktuelles Unrecht zu wehren? Angesichts der politischen Entwicklungen in Österreich, in Europa und in der Welt interessierte mich, wie Widerstand entsteht und sich vermehrt. Als Möglichkeit in der Unmöglichkeit.



Etwas von einer möglichen Zukunft
Monika Bernold

Was kommt als Dimension des Schreibens in Frage, nach dem Sehen dieses nachdenklich machenden Films? Vielleicht das, was fehlt, den Bildern, dem Schreiben, mir selbst, der Gegenwart? Das, was zu viel ist, an Zumutungen gegenwärtiger Politik, an Rassismus oder auch an Ansprüchen ans eigene Tun? Der Film zielt auf ein Dazwischen, das, was zwischen dem ist, was da und (noch) nicht (mehr) da ist, darüber werde ich schreiben. „Es brennt, Brüder, es brennt“, das Shtetllied „undzer shtetl brent“, weiße Schrift auf schwarzer Leinwand, erste und letzte Einstellung, dazwischen der Film.

Widerstandsmomente gelingt im Zusammentun von Akteur_innen, Geschichten und Dingen, dass aus einer historischen Abfolge Gleichzeitigkeit und ein Dazwischen als Verbindung entsteht. Der Kunstgriff, Aktivist_innen verschiedener Generationen mit Tondokumenten, Briefen, Objekten, Fotos von Frauen_ aus dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu konfrontieren, macht Geschichte als Knotenpunkt von historischen Begebenheiten und Gedächtnisarbeit im jeweiligen Jetzt erfahrbar. Clio, die Muse der Geschichtsschreibung spaziert zwischen Mnemosyne, dem Fluss der Erinnerung und Lethe, dem Fluss des Vergessens, sie fungiert im Film nicht als Wissenschaft, sondern als in Bildern und Tönen festgehaltenes Dazwischen, als Effekt der Montage, die einer Ästhetik der komplexen Verbindungen folgt.

Interviews mit Frauen_ an Orten, die ihnen wichtig sind, schaffen eine Topographie im Film, die uns hilft, die Akteur_innen kennenzulernen und zu verorten. Wir begleiten eine aus Argentinien stammende Aktivistin der Frauen- und Migrantinnenorganisation LEFÖ an die Alte Donau in Wien. Eine andere Aktivistin der Linzer Migrant_innenvereine maiz und das kollektiv wählt eine entlegene Stelle an der Donau, im Abseits von Linz. Wir sehen eine junge Aktivistin in Berlin, eine andere blickt beim Interview über den Neusiedlersee. Der Film stellt Verbindungen her, zwischen den interviewten Frauen_ und ihrem Engagement gegen strukturelle Gewalt und Rassismus in der gegenwärtigen Gesellschaft. Verbindungen auch zu den Schrecken des 20. Jahrhunderts, zur Shoa, zu Frauen_, die in Ravensbrück waren oder in kommunistischen Widerstandsgruppen aktiv gewesen sind.

Widerstandsmomente führt die Koexistenz von Handlungen und Subjekten, die Koexistenz von verschiedenen Orten und Zeiten des Widerstands, aber auch die Koexistenz von Alltag und Arbeit vor Augen. Auf der Baustelle, in der Fabrik, in einem öffentlichen Gebäude sehen wir arbeitende Frauen_ und Männer_ in langen, ruhigen, schönen Einstellungen. So etwas wie Wirklichkeit tapeziert und rahmt visuell und akustisch die Interviews und historischen Tonbanddokumente oder auch deren aktuelle Aneignungsformen durch die Protagonist_innen. Wir sehen, lesen und hören Geschichte im Bild. Immer wieder werden präzise Zäsuren durch Schwarzbild mit Text gesetzt. Historische Dokumente, ein jiddischer Liedtext auf Deutsch, ein Merkblatt der Roten Hilfe oder ein Flüsterwitz werden durch die weiße Schrift in das Jetzt des Films übersetzt. Historische Textquellen werden in der Abstraktheit ihrer typographischen Gestaltung von historischen Ablagerungen entkleidet und damit (als) Dazwischen lesbar.

Die Stimmen, das Konzert der Stimmen, die wir hören, in denen sich Vergangenheit und Gegenwart mischen und verbinden, schaffen das Werk. Wir lernen, Rezepte laut lesen als Akt des Überlebens im Widerstand. Wir sehen beeindruckend effiziente Handgriffe in einem Selbstverteidigungskurs für Mädchen. Die Materialität einer gestrickten Kinderjacke, die die Kamera uns leinwandfüllend zeigt, fungiert als Bildakteur für die Erzählungen über die Herausforderung, ein aktivistisches Leben mit einem Leben mit Kindern zu verbinden. Das multimediale Nebeneinander von historischen Zitaten und aktuellen Bildräumen, alten Tonbandaufnahmen und gegenwärtigen Zeugnissen von Widerstand, von Gesprächen mit Aktivist_innen oder Ansichten und Klängen von Arbeitsabläufen in Innen- und Außenräumen verdichtet sich im Verlauf des Films zu einem konzeptionellen Miteinander, dessen ästhetische (Unter)Brechungen und Verwerfungen ein Denken und Wahrnehmen von Widerstandshandlungen aus unterschiedlichen Orten und Zeiten als unverbrüchliche Verbindung zu einer möglichen Zukunft entwirft.

Wenn mit Hannah Arendt der Plural Grundbedingung der Existenz und Grundbedingung des Politischen ist, dann wird das sich in Verbindung bringen mit Anderen im Film von Jo Schmeiser zu einem sich in Verbindung bringen mit den Zeugnissen, den Hinterlassenschaften jener, die sich während des Nationalsozialismus wehrten. Der Film schafft Verbindungen zwischen sehr unterschiedlichen Protagonist_innen des Widerstands und setzt diese und uns als Zuschauer_innen mit der grundlegenden Frage, wie/wann handeln in Beziehung. Die Idee des Films: jetzt gemeinsam etwas zu beginnen, zu tun und vielleicht zu Ende bringen braucht Andere, braucht Verbindungen mit Geschichten Anderer, die begonnen haben, gegen Unrecht zu handeln. Das Politische, zeigt uns der Film auf eindringliche Weise, entsteht im Bereich des Dazwischen, zum Beispiel von Geschichte und Gegenwart, oder von Gelingen und Misslingen, und ist darin mehr als ein Sprechen und Handeln im Plural. Mehr auch als ein Heroisieren des Widerstands. Widerstandsmomente gelingt es 2019, etwas von einer möglichen Zukunft anzukündigen, die im Katastrophischen oder aber im Potential eines gemeinsamen Handelns dagegen liegen kann.



Dissidenz über Raum und Zeit
Christian Höller

Aktualität so mit dem Historischen verweben, dass daraus ein vielstimmiger, zugleich eindringlicher Resonanzraum entsteht. Verstreute Ansätze, Aktionen, Haltungen politischer Dissidenz so miteinander verzahnen, dass sich ein größeres, wiewohl heterogenes Tableau auszuformen beginnt. So lässt sich die Maxime hinter Jo Schmeisers Widerstandsmomente fassen, ein polyvalentes, zugleich um den Fokus Anti-Autoritarismus gebündeltes Narrativ.

Da sind zunächst die Selbstzeugnisse gegenwärtiger Aktivismen, vorgebracht von zehn Gesprächspartnerinnen zwischen Linz, Wien und Berlin. Inszeniert an Orten, die für die Frauen Widerstand bzw. Freiheit von diskriminierenden Zwängen bedeuten, stecken die Aussagen einen weiten agitatorischen Rahmen ab, der angesichts der gegenwärtig um sich greifenden neurechten Politik umso mehr an Brisanz gewinnt. Das Netz in Raum und Zeit spannt sich – ungezwungen, wie von selbst verlaufend – zurück bis in die 1930er- und 1940er-Jahre. Ohne dass dabei Vergleiche oder eine (sinnlose) Relativierung von Damals und Heute vorgenommen würden. Vielmehr hallt in den historischen, meist über Tondokumente zugeschalteten Stimmen ein ebenso facettenreicher wie situativ-gebrochener weiblicher Widerstands-Chor nach: von den Kämpferinnen der „Gruppe Soldatenrat“, die Wehrmachtsangehörige während des Zweitens Weltkriegs zur Desertion bewegen wollten, bis hin zur Zwangsarbeiterin, die allen Mut zusammennahm, um dem brutalen Bauern selbstverteidigend Paroli zu bieten.

Derweilen streift der Blick über heutige, seltsam ambivalent wirkende Schauplätze wie Weinbaugebiete, eine Großdruckerei mit ihren weitgehend automatisierten Abläufen, oder das Audimax der Universität Wien, wo Billiglohn- und Wissensarbeit einander die Klinke in die Hand geben. Historische Artefakte, pointierte Inserts, ja auch politische Witze setzen gelungene Kontrapunkte. All dies macht Widerstandsmomente zu einem kunstvoll über Raum und Zeit distribuierten Kollektivansinnen, dessen Kraft (und aktuelle Notwendigkeit) in seiner produktiven Offenheit und Unabschließbarkeit liegt.

Erstveröffentlichung: sixpackfilm, 2019


 
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