Helfen als Widerstand

Das Lied von der Bluse
Karl Hirsch (Autor)
Melodie: Gaudeamus igitur
um 1848

Dieses Lied entstand im 19. Jahrhundert und wurde z.B. im „Liederbuch für Proletarier“ abgedruckt. Junge Leute aus dem Umfeld von SPÖ und KPÖ sangen es auch noch im 20. Jahrhundert als politisches Lied. Es macht Klassenunterschiede und Solidarität von Arbeitenden zum Thema, die in Text und Melodie ausgedrückt werden. „Gaudeamus igitur“ war ein gängiges (lateinisches) Lied von Studierenden an der Universität. Es war damals verbreitet, sich bekannte Melodien anzueignen. Man dichtete zur Musik neue Texte und kritisierte oder parodierte die alten Lieder und ihre (politischen) Inhalte.


Das Lied von der Bluse

Den Frack trägt jeder Scharlatan,
Der Stutzer seinen Kittel,
Den grünen Rock der Jägersmann,
Der and’re seinen Titel.
Schwarz, schwarz erscheint die Geistlichkeit
Vom Kopfe bis zum Fuße –
Das stolzeste, das schönste Kleid,
[: Das bleibt doch meine Bluse! :]

Von meiner Arbeit Schweiß getränkt,
Versteht sie meine Klagen,
Und was mein Herz im Stillen denkt,
Darf ich ihr alles sagen.
Drum, ob zerrissen, ob geflickt,
Ob ölig, ob voll Ruße,
Mit Liebe stets mein Auge blickt
[: Auf meine treue Bluse! :]

Die Bluse lehrt mich jeden Tag
Die Frucht von tausend Jahren:
Daß es nicht besser werden mag,
Bis einig uns’re Scharen!
Und seh ich einen Blusenmann,
Biet ich die Hand zum Gruße
Denn diesem ich vertrauen kann,
[: Das sagt mir seine Bluse! :]

Den fest geschloss’nen Bruderbund
Kann keine Macht bezwingen,
Durch ihn – das tut die Bluse kund –
Wird uns das Werk gelingen.
Hinweg mit allen Tyrannei’n
Mehr Brot, mehr Schlaf, mehr Muße,
Wir wollen freie Männer sein,
[: Das kündet uns’re Bluse! :]


Objekt
Das Lied von der Bluse
um 1848
Karl Hirsch (Autor)
Melodie: Gaudeamus igitur
Liederbuch, 10×13 cm


Quelle
Viktor Stein (Hg.)
Österreichisches Proletarier-Liederbuch
4. Auflage, Wien 1906/07, Seite 28f


Archiv
Privatarchiv Jo Schmeiser
 
 
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