Kritisieren als Widerstand

Lied der Arbeiterinnen
Anonym
Melodie: Die Wacht am Rhein
um 1848

Dieses Lied entstand im 19. Jahrhundert und ist auch als „Arbeiterinnen-Weckruf“ bekannt. Es wurde z.B. im „Liederbuch für Proletarier“ abgedruckt. Das Lied richtet sich an Arbeiterinnen und ruft dazu auf, sich gegen Unterdrückung zu wehren und für gleiche Rechte zu kämpfen. In Österreich und Deutschland wurde 1918 das allgemeine Wahlrecht für Frauen eingeführt. Prostituierte erhielten das Wahlrecht erst 1923. Junge Leute aus dem Umfeld von SPÖ und KPÖ sangen den „Arbeiterinnen-Weckruf“ auch noch im 20. Jahrhundert als politisches Lied.

Es war damals verbreitet, sich bekannte Melodien anzueignen. Man dichtete zur Musik neue Texte und kritisierte oder parodierte die alten Lieder und ihre (politischen) Inhalte. „Die Wacht am Rhein“ hatte im Deutschen Kaiserreich ab 1871 die Funktion einer inoffiziellen Nationalhymne.


Lied der Arbeiterinnen

Arbeiterinnen aufgewacht!
Erwacht aus dunkler Geistesnacht
Und steigt empor zum hellen Licht!
Frisch auf! Frisch auf! Und säumet nicht!
Auf, schüttelt ab das Sklavenjoch
Und hebt das Freiheitsbanner hoch!
[: Auf, stellt für Freiheit,
Gleichheit euch zum Kampf. :]

Ihr seid nun lang genug geknecht’t,
Habt Pflichten viel und wenig Recht.
Ja, Pflichten schwer legt man euch auf,
Das hemmte eures Geistes Lauf.
Nun seid ein würdiges Geschlecht
Und kämpfet für das gleiche Recht.
[: Auf, stellt für Freiheit,
Gleichheit euch zum Kampf. :]

Nicht nur das Haus sei eure Welt,
Der Kochtopf nicht nur euer Feld.
Im öffentlichen Leben ihr
Sollt euch beteil’gen für und für.
Brecht eine Bahn dem freien Geist;
Er ist’s, der alle Fesseln reißt.
[: Auf, stellt für Freiheit,
Gleichheit euch zum Kampf. :]

Der Kastengeist, er sei euch fern;
Verkehrt mit jedem Menschen gern.
Auch Dünkel sollt ihr kennen nicht,
Stets üben eure Menschenpflicht.
Laßt ab vom blinden Glaubenswahn
Und strebt den Weg zur Wahrheit an.
[: Auf, stellt für Freiheit,
Gleichheit euch zum Kampf. :]

Seht eure Männer, Brüder an,
Millionen treten auf den Plan
Und kämpfen für das gleiche Recht,
Daß keiner sei des andern Knecht.
Drum streitet mit an ihrer Seit’
Den Sieg erringt nur Einigkeit.
[: Auf, stellt für Freiheit,
Gleichheit euch zum Kampf. :]


Objekt
Lied der Arbeiterinnen
um 1848
Anonym
Melodie: Die Wacht am Rhein
Liederbuch, 10×13 cm
Interpretation Angelika Sacher und
Klaus Bergmaier


Quellen
Viktor Stein (Hg.)
Österreichisches Proletarier-Liederbuch
4. Auflage, Wien 1906/07, Seite 86f


Literatur
Zum Frauenwahlrecht

Archiv
Privatarchiv Jo Schmeiser
wert
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