Kritisieren als Widerstand

Flüsterwitze
1938-1945

Bemerkenswert an diesen drei Flüsterwitzen ist das Umfeld, von dem sie erzählen und aus dem sie wahrscheinlich auch kommen: ein jüdischer, ein katholischer und ein kommunistischer Witz. Der dritte Witz ist eine Umarbeitung seiner rassistischen Vorlage. Die „Meckerlein“ werden aufgrund dessen, was sie denken, sagen oder tun ausgeschlossen, nicht aufgrund von Merkmalen, die man hervorhebt oder ihnen zuschreibt.


Namensänderung (1)

Ein Jude aus der Leopoldstadt bittet um Namensänderung, er heißt Adolf Stinker.
Der Beamte sagt: „Das ist wirklich ein grauslicher Name. Also, wie wollen Sie denn heißen?“
Sagt der Jude: „Rudolf Stinker.“


Wie betet man in Wien? (2)

Wie betet man in Wien?
Lieber Gott mach mich blind,
daß ich alles herrlich find.
Lieber Gott mach mich taub,
daß ich allen Unsinn glaub.
Lieber Gott mach mich stumm,
daß ich nicht nach Dachau kumm.
Bin blind ich, taub und stumm zugleich,
dann bin ich reif fürs Dritte Reich.


10 kleine Meckerlein (3)

Zehn kleine Meckerlein,
die saßen einst beim Wein,  
Das eine machte Goebbels schlecht,
da waren’s nur mehr 9.

Neun kleine Meckerlein,
die haben sich was gedacht.
Dem einen hat man’s angemerkt,
da waren’s nur mehr 8.

Acht kleine Meckerlein,
die haben etwas geschrieben.
Bei einem hat man’s aufgemacht,
da waren’s nur noch 7.

Sieben kleine Meckerlein,
die sprachen von Jus und Lex.
Eines sagt, das gibt‘s nicht mehr,
da waren’s nur noch 6.

Sechs kleine Meckerlein,
die schimpften über die Pimpf.
Das eine hat sein Sohn verpetzt,
da waren’s nur noch 5.

Fünf kleine Meckerlein,
die spielten einst Klavier. 
Das eine spielte Mendelssohn,
da waren’s nur noch 4.

Vier kleine Meckerlein,
die aßen einst ein Ei. 
Das eine, das war stempelfrei,
da waren’s nur mehr 3.

Drei kleine Meckerlein,
die hörten Radio.
Eines drehte England an,
da waren’s nur noch zwo.

Zwei kleine Meckerlein,
die sprachen von dem Zweck,
Des Mythos des Herrn Rosenberg,
da war gleich eines weg.

Ein kleines Meckerlein,
das ließ dies Liedlein seh’n.
Da hat man’s ins KZ gesperrt – 
dort waren’s wieder zehn!


Quellen

1) Franz Daniman
Flüsterwitze und Spottgedichte unterm Hakenkreuz
Wien 1983, S. 24

2) Kurt Zube
Wien wehrt sich mit Witz
Flüsterwitze aus den Jahren 1938-1945
Wien-Gmunden­Zürich-New York 1946, S. 4

3) Lachen verboten
Flüsterwitze 1938-1945. Heft 1-4
Gesammelt von Minni Schwarz
Wien-Gmunden­Zürich-New York 1947, Heft 2: S. 13


Literatur

Interview mit Benjamin Ortmeyer
„Nazis haben keinen Humor“
In: Antiidiotikum. Das Magazin für Kultur & Gesellschaft
Nr. 0, Oktober 2016, S. 20-23

  
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