Überzeugen als Widerstand

Hermine Žlatnik
Brief an ihren Arbeitskollegen
Leo Watzek
1938

Hermine Žlatnik äußert ihre Empörung über die Pogrome, die 1938 an der jüdischen Bevölkerung in Wien verübt werden. Juden und Jüdinnen werden öffentlich gedemütigt und geschlagen. Unter dem johlenden Beifall der zuschauenden Menge müssen sie z.B. mit Zahnbürsten den Gehsteig säubern. Im Brief an einen Arbeitskollegen von der Anglo Elementar Versicherung schreibt Hermine Žlatnik, dass Juden und Jüdinnen ihr näherstehen, als die Nazis. Ihren Arbeitskollegen und Nazi Leo Watzek will sie von seinem Irrtum überzeugen. Bemerkenswert ist Hermine Žlatniks Mut, sich offen und offensiv zu ihren Liebesbeziehungen mit Juden zu bekennen. Sie tut das auf ironische Weise und macht die Ungeheuerlichkeit der Nazi-Politik umso deutlicher.


Brief von Hermine Žlatnik
an ihren Arbeitskollegen Leo Watzek,
30. April 1938 (Auszüge)


Immer hab ich gehört: „Was Dein Mund spricht, soll im Einklang sein mit dem, was Dein Herz fühlt“. Es ist gut, dass ihr alle keine fühlenden Herzen habt, denn sonst müssten sie sich Euch im Leibe umdrehen beim Anblick dieser täglichen Ungerechtigkeiten, diesen Brutalitäten in allen Schattierungen, diesen unausgesetzten Entwürdigungen, die an Unglücklichen begangen werden.

Kurz will ich Dir diese Heldentaten aufzählen: Wegreiben der Parolen, Reiben in Kasernen, Parteilokalen, Reiben bei aufgeschütteter Salzsäure, die die Kleider und die Haut zerfrisst, sodass viele Brandwunden erlitten haben. Kranke, Alte, Rechtsanwälte, Ärzte, alte Juden mit langen ergrauten Bärten wurden zu diesem Zwecke am Ostersamstag zusammengefangen – nichts half. Aus den Tempeln wurden sie geholt, mit den heiligen Gebettücheln mussten sie am Karmelitermarkt Kisten auswaschen. In Fingerhüten mussten sie Wasser 3-4 Stockwerke hinauftragen. Dazu die unzähligen Verhaftungen. Grund: Jude.

Nach all dem, was sich jetzt u. speziell im Laufe der letzten Woche zugetragen hat, stehe ich nicht an zu erklären, dass der letzte polnische „Saujud“ meinem Herzen näher steht und teurer geworden ist, als meine entmenschten Artgenossen, die so etwas verschuldeten, befahlen, ausführten und verteidigten. Ich bin eben ein Musterbeispiel, wie tief man sinkt, wenn man so verjudet ist. Ich bin ja auch von Juden geschändet worden, ohne daß ich dies bemerkt hätte, wahrscheinlich, weil ich zu glücklich war.

Es ist Zeit, dass ich zum Schluß komme. Du wirst fragen wozu dies alles? Ich weiss keine Antwort darauf, als die: „Ich kann nicht schweigen, ich folge der Stimme, die man Gewissen nennt. Ich will, die Menschen sollen am Leben bleiben, die Menschen sollen die Wahrheit lieben und leben können. Die Völker der Erde sollen nicht vor Deutschland zittern. Nicht fürchten sollen wir einander, nur einander lieben, einander helfen. Glaube nicht, daß Du dies lesen und vergessen oder abschütteln wirst. Vielleicht heute noch, vielleicht morgen noch. Heute siehst Du noch mit den Augen eines Nationalsozialisten, heute bist Du noch voller Begeisterung. Ich sage Dir heute und immer wieder: Es ist ein Irrtum, was auf so viel Lüge, so viel Leid, so viel Qual, so viel Unrecht, so viel Ungerechtigkeit aufgebaut ist, ist auf Sand gebaut. Die Herrlichkeit wird eines Tages einstürzen. Glaube nicht, daß Recht, daß das Gute ewig zu unterdrücken ist.

Hermine Žlatnik
In der Nacht vor dem 1. Mai 1938


Biografie Hermine Žlatnik


Objekt
Brief
30. 4. 1938
Papier, A4, mit Schreibmaschine beschrieben


Archiv
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes
5558A



 
wert
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