Kritisieren als Widerstand

Brief von Anna Friedl
an den Postamtsvorsteher und NSDAP-Ortsgruppenleiter Karl Hanel

St. Johann in Tirol
28. November 1942

Diesen Brief schickte Anna Friedl mit 18 Jahren anonym an den Ortsgruppenleiter Karl Hanel und sagte ihm so ihre Meinung. Weil sie gleichzeitig einen anderen Brief mit Absender aufgab, konnte die Gestapo ihre Handschrift identifizieren. Anna Friedl wurde wegen „Heimtücke” zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt und musste die Kosten der Gerichtsverhandlung übernehmen. In der Nazizeit gab es keine freie Meinungsäußerung. Der anonyme Brief ist von 1942, als Hitlers Truppen von der Roten Armee immer weiter zurückgeschlagen wurden.

Der Brief von Anna Friedl blieb erhalten, weil die Gestapo ihn aufschrieb und archivierte. Im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes sind Tausende ähnliche Fälle des Widerstandes von Einzelpersonen aus ganz Österreich dokumentiert, die in den 1940er-Jahren unter dem „Heimtücke“-Paragrafen von den Nazis verurteilt wurden.


Kuvert

An Herrn Postmeister Hanel
in St. Johann
Tirol


Brief (Auszüge)

Werther Nazibruder! Von der Mehrheit der Frontsoldaten soll dir berichtet werden, sie lassen dir sagen, dass es jetzt höchste Zeit wäre, wenn ihr Nazibrüder auch einmal hinausgehen würdet in das Feld und diejenigen abtauschen würdet, die schon den 3. Winter draußen in Frost und Kälte für nichts und wieder nichts sein müssen und ihr sitzt daheim in der warmen Stube und reißt die Goschen auf. Ich meine, du kannst dich noch erinnern, wie du damals in Polen, wie du einmal Wache stehen hättest müssen, geplärrt hast, [so] dass du abgetauscht wurdest und dich hast wieder in die Kanzlei sitzen können.

Wenn der Hitler lauter solche Kämpfer hätte, so wär der Krieg Gott sei Dank längst verloren und wir wären die Nazibrut los, Räuberbande und Mordgesindel, ihr braunen Kuttenträger, Bettelbagage, und wie Göring sagt, dass die armen Soldaten keine Not leiden, doch schreibt jeder heim, Hunger über Hunger. Der Göring wird sich ja alle Tage seinen Bierbauch füllen, der wird ja nicht von der Karte leben. Eine Bombe in den Bauch und in die Luft mit ihm, so wie es euch Nazi Mördern allen geschehen sollte. Aber wartet nur, es kommt schon die Zeit, wo ihr alle drankommt, ihr seid schon längst aufgeschrieben. Wenn du irgendeinen Drachen [= gemeint ist wahrscheinlich die Hakenkreuzfahne] auftust und eine Rede haltest, so möchte man dir am liebsten in die Fotze spucken, rauben, stehlen, morden, das ist der Nazi größte Profession.

Schaut nur hin und her, der größte Lump und Gauner, den sein Vater ausgeschrieben hat als Tunichtgut, ist unser Gauleiter. Pfui, in jedem Amt sitzen solche drinnen, die früher als Gauner betrachtet wurden. Wie könnt es ja anders möglich sein, das war ja noch nie, dass ein Maurergesell ein Herrscher war, das war immer ein Adeliger, schämt euch, die besten Leute müssen wegen eurem Raub ihr Leben lassen, kein Mensch hätte uns etwas getan, wenn wir nicht dem Hitlerbund zum Opfer gefallen wären. Alle auf die Henkersbank, es kommt schon, nur die Krieger heim, dann werden die Daheimsitzer schon drankommen. Verteidige dich bei den Frontsoldaten!


Objekt
Brief, anonym abgeschickt
28. November 1942
Brief (1 Seite A5 gefaltet auf A6) und Kuvert (A6),
handgeschrieben (Kurrent), ohne Absender
Transkription: Herbert Tobisch, ​Stefanie Tobisch


Archiv
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes
12276


Literatur
Zur Organisation der NSDAP

  
wert
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