Lebensgeschichten

Gisèle Guillemot

1922 – 2013
Deckname „Annick“

Gisèle Guillemot wird am 24. Februar 1922 in Mondeville (Calvados, Frankreich) als Tochter einer Französin und eines Italieners geboren. Die Mutter kommt aus einer wohlhabenden Gemüsebauern­familie und heiratet ein weiteres Mal. Der zweite Vater von Gisèle Guillemot ist Buchhalter in einer großen Fabrik in Caen, die Metall verarbeitet. Die Familie lebt in einer Arbeitersiedlung und Gisèle Guillemot ist geschockt von den Klassenunterschieden zwischen den Bewohnern und Bewohnerinnen der Siedlung. Mit 14 Jahren beginnt sie sich in der Arbeiter/innenjugend zu engagieren, wird in der linken Bewegung „Front Populaire“ aktiv und beteiligt sich an Hilfsaktionen für Spanienkämpfer und -kämpferinnen.

Als 1940 ein Teil Frankreichs von den Nazis besetzt wird, schließt sich Gisèle Guillemot mit ihrer Jugendgruppe der Résistance an. Sie führen kleinere Aktionen und Sabotageakte durch und treten der kommunistischen Bewegung „Front nationale“ bei, die schließlich zur „FTP – Francs-tireurs et partisans“ wird. Die Gruppe verteilt Flugblätter gegen die deutsche Besatzung und gibt die Zeitung „Le Calvados libre“ heraus. Ab 1941 beteiligt sie sich auch an größeren Widerstandsaktionen: Attentate, Zugentgleisungen und Feuerlegen im Materiallager der deutschen Besatzung, wo geraubte Güter gehortet werden. Gisèle Guillemot wird leitende Funktionärin der kommunistischen Jugendgruppen und übernimmt Kurier-Tätigkeiten wie das Überbringen von Botschaften oder Befehlen, aber auch von Sabotage-Werkzeug und Dynamit.

Bei einer Sabotageaktion am 1. März 1943 wird ein Mitglied der Gruppe von einer Sondereinheit der französischen Polizei verhaftet und an die Gestapo ausgeliefert. Die Verhaftung weiterer Mitglieder folgt, jene von Gisèle Guillemot am 9. April 1943 durch die Gestapo. Die jungen Widerstandskämpfer und -kämpferinnen werden in Caen inhaftiert, nach Fresnes überstellt und am 13. Juli 1943 in Paris von einem Lübecker Sondergericht zum Tode verurteilt. Die Männer werden am Mont-Valérien erschossen, Gisèle Guillemot und ihre Genossin Edmone Robert werden als „NN“ („Nacht und Nebel“) klassifiziert und nach Deutschland deportiert.

Auf Basis des sogenannten „Nacht und Nebel“-Erlasses von 1941 wurden des Widerstandes verdächtigte Personen aus den besetzten Gebieten ohne Nachricht in das „Deutsche Reich“ deportiert, wo sie durch Sondergerichte zum Tode verurteilt oder ohne Urteil in Konzentrationslager verschleppt wurden. Im KZ wurden solche Gefangenen mit dem Attribut „NN“ („Nacht und Nebel“) gekennzeichnet, ihnen war jeglicher Schriftwechsel untersagt. Das spurlose Verschwinden dieser Menschen sollte die Bevölkerung der besetzten Gebiete in Angst und Schrecken versetzen.

Gisèle Guillemot wird in Lübeck und Cottbus inhaftiert und muss Zwangsarbeit in deutschen Rüstungsbetrieben und in der Landwirtschaft leisten. Im Herbst 1944 wird sie ins KZ Ravensbrück und im März 1945 ins KZ Mauthausen deportiert, wo sie am 20. April vom internationalen Roten Kreuz befreit wird.


Quellen

Sammlungen der KZ-Gedenkstätte Mauthausen
AMM OH/ZP1/331
Gisèle Guillemot im Gespräch mit Julia Montredon
Audio- und Video-Interview


Video Transkript Deutsch
Deutsche Übersetzung von Karin Stoegner

Video Französisch

Interview-Ausschnitt auf Video
7 Minuten, französisch

Interview-Ausschnitt auf Video
14 Minuten, französisch

Interview-Ausschnitt auf Video
1 Stunde 21 Minuten, französisch


Literatur

Guillemot, Gisèle, (Entre parenthèses). De Colombelles (Calvados) à Mauthausen (Autriche), 1943-1945, Paris 2001 (Französisch)

Guillemot, Gisèle, Humez, Samuel, Résistante – mémoires d’une femme, de la Résistance à la déportation, Neuilly-sur-Seine, 2009 (Französisch)


 
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