Lebensgeschichten

Helene Pawlik

1915 – 2013
Zwangsarbeit am Bauernhof
in Niederösterreich

Helene Pawlik wird 1915 in Racławice, Polen, geboren und wächst als jüngstes von acht Kindern auf einem kleinen Bauernhof bei Krakau auf. Nach dem deutschen Überfall auf Polen wird sie 1940 zum „Reichsarbeitseinsatz“ aufgefordert. Polnische Polizisten rekrutieren in Begleitung deutscher Soldaten aus der Zivilbevölkerung Männer, Frauen und sogar Kinder zur Zwangsarbeit im „Deutschen Reich“. Nachdem sich Helene Pawlik vorerst im Wald versteckt hat, kehrt sie schließlich aus Angst vor der Erschießung oder der Deportation ihrer Familie doch nach Hause zurück. Als Polizei und Wehrmacht sie abholen wollen, sagt sie ihnen: „Morgen ist Samstag, und Dienstag fahren wir, alles nach der Reihe.“ Über Krakau, wo sie eine Reihe von ärztlichen Untersuchungen über sich ergehen lassen muss, wird sie nach Wien und weiter nach St. Pölten deportiert, wo sie wie die anderen Polen und Polinnen ihres Transports von Bauern zur Zwangsarbeit in der Landwirtschaft ausgesucht wird. Organisiert wird dies vom Arbeitsamt vor Ort.

Helene Pawlik kommt auf einen Bauernhof nach Hafnerbach im Landkreis St. Pölten. Auf dem Hof muss sie schwerste Arbeiten verrichten, auch als sie bereits ein Kind von einem polnischen Zwangsarbeiter aus der Gegend erwartet. Als die Behörden Mutter und Kind nach Polen zurückschicken wollen, unterwandert der Bauer die Abschiebung durch Bestechung, denn Helene Pawlik ist wie sie selbst sagt, „eine gute Arbeiterin“. Der Bauer schlägt sie und auch sexuelle Übergriffe sind an der Tagesordnung. Helene Pawlik wehrt sich selbstbewusst und mutig dagegen. Sie widerspricht dem Bauern, droht ihm mit Anzeige und schlägt auch zurück, als er sie und die Bäuerin mit einem Stock angreift. Zur Bäuerin entwickelt sich – besonders nach der Geburt von Helene Pawliks Sohn Josef im Jahr 1941 – ein vorsichtiges Vertrauensverhältnis. Auch einen der Bauernsöhne, die beide nicht aus dem Krieg wiederkehren, scheint Helene Pawlik gemocht zu haben, wie ihre Trauer über seinen Tod nahelegt.

Als die Rote Armee St. Pölten befreit, kommen sowjetische Soldaten auch auf den Hof nach Hafnerbach. Sie fragen Helene Pawlik nach dem Verhalten des Bauern und kündigen an, diesen zu erschießen, sollte er gewalttätig gewesen sein. Helene Pawlik lügt die sowjetischen Soldaten an und antwortet, dass der Bauer gut zu ihr gewesen sei, denn sie denkt sich: „Ich bin ein Mensch und sterben muss der schon selber.“ Nach der Befreiung bleibt Helene Pawlik mit ihrem Sohn in Niederösterreich. Der Bauer bietet ihr an, für 17 Schilling im Monat und ohne Krankenversicherung auf seinem Hof weiterzuarbeiten. Helene Pawlik lehnt ab und findet Arbeit bei einem Bauern in Haindorf, der ihr 200 Schilling im Monat bezahlt – mit Krankenversicherung. Helene Pawliks Familie lebt heute in Niederösterreich.


Quellen

Privatarchiv Hornung
Langthaler/Schweitzer (Audio- und Video-Interview, Ernst Langthaler und Ela Hornung im Gespräch mit Helene Pawlik, 2001; Transkript)


Literatur

Hornung, Ela, Langthaler, Ernst, Schweitzer, Sabine, Zwangsarbeit in der Landwirtschaft in Niederösterreich und dem nördlichen Burgenland, Wien/München 2004

 
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