Lebensgeschichten

Irena Rowińska

1931 – 2017
Geborene Pytloch
KZ Mauthausen, KZ Steyr
Zwangsarbeit in Oberösterreich

Irena Rowińska wird am 13. Juli 1931 in Warschau geboren und wächst als Einzelkind in einem Arbeiter*innenhaushalt auf. Durch die Wirtschaftskrise verlieren ihre Eltern die Arbeit und Irena Rowińska kommt vorübergehend zu Verwandten aufs Land. Sie besucht in Warschau die Volksschule, als Hitlerdeutschland 1939 Polen überfällt. Deutsche Soldaten besetzen ihre Schule und der Unterricht muss in eine Privatwohnung verlegt werden. Das Lernen beschränkt sich auf die polnische Sprache und die Eltern schicken Irena Rowińska in eine Lerngruppe, wo auch Geschichte, Geografie und Literatur unterrichtet wird.

In den Jahren der deutschen Besatzung arbeitet der Vater in einer deutschen Fabrik in einem Warschauer Außenbezirk. Er erhält einen Ausweis, der die Familie vorerst vor Verhaftung schützt. Sie haben kaum zu essen und Irena Rowińskas Mutter erledigt Reinigungsarbeiten in den Wohnungen der Deutschen. Die Misshandlungen und die Zwangsumsiedlung der jüdischen Bevölkerung ins Warschauer Ghetto erlebt die Familie in ihrer Straße, in ihrem Wohnhaus. Nachbarinnen, mit denen Irena Rowińska Literatur gelesen hat, müssen plötzlich umziehen. In die leeren Wohnungen ziehen deutsche Soldaten und zivile Mietparteien deutscher Herkunft, einige von ihnen arbeiten für die Geheime Staatspolizei (Gestapo).

Nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes der polnischen Heimatarmee 1944 werden Irena Rowińska und ihre Mutter von ukrainischen Sondereinheiten zum Bahnhof Warschau West getrieben und in Güterwaggons nach Mauthausen deportiert. In Steyr, wo sich ein Außenlager des Konzentrationslagers Mauthausen befindet, müssen sie Zwangsarbeit bei Steyr-Daimler-Puch leisten. Das örtliche Arbeitsamt vermittelt die beiden schließlich nach Linz, wo Irena Rowińska in einem Kaffeehaus als Hilfskraft Zwangsarbeit leisten muss. Mit List und Widerstandsgeist gelingt es der damals erst 13-Jährigen, sich gegen die Schikanen ihrer Arbeitgeber*innen zur Wehr zu setzen.

Im April 1945, als Linz fast täglich von den Alliierten bombardiert wird, finden Irena Rowińska und ihre Mutter in einem Schutzraum eines Linzer Außenbezirks Unterschlupf. Ihre Arbeitgeber*innen haben längst das Weite gesucht und die beiden Zwangsarbeiterinnen ohne Essen zurückgelassen. Am 5. Mai 1945 wird Irena Rowińska mit ihrer Mutter von amerikanischen Truppen befreit und im Juli kehren die beiden schließlich nach Polen zurück. Im September 1945 besucht Irena Rowińska ein Gymnasium und nach der Matura ein Pädagogisches Lyzeum. Sie bringt eine Tochter zur Welt und arbeitet in Warschau als Lehrerin.


Quellen

Sammlungen der KZ-Gedenkstätte Mauthausen
AMM OH/ZP1/795
Irena Rowińska im Gespräch mit Monika Kapa-Cichocka (Audio- und Video-Interview)
25. April 2003, Warschau
Originalsprache: Polnisch
Transkript: Deutsche Übersetzung von Joanna Ziemska

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Videointerview, thematisch geordnet
2 Stunden 46 Minuten, polnisch, OmdU


Literatur

Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung
Unter deutscher Besatzung, Bildungsmaterialien, 2014
Irena Rowińska, S. 110-113


KZ-Gedenkstätte Mauthausen, Jahrbuch 2010
Frauen im „Männerlager“
Helga Amesberger und Brigitte Halbmayr, S. 31-42

Stefan Hördler, Volkhard Knigge, Rikola-Gunnar Lüttgenau und Jens-Christian Wagner (Hg.)
Zwangsarbeit im Nationalsozialismus
Katalog zur Ausstellung in Steyr
Göttingen 2016
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